Gefährliche Intrigen

Gefährliche IntrigenLogan Torrington findet mitten im Wald die junge, verwundete Emma, die auf der Reise zu ihrem Onkel hinterhältig überfallen wurde. Nach einer leidenschaftlichen Liebesnacht bringt Logan die junge Frau in Sicherheit. Bald jedoch muss er entdecken, dass seine „Elfe“, wie er Emma fortan liebevoll nennt, nicht nur sein Herz gefangen hat, sondern immer noch in allergrößter Gefahr schwebt…

Historischer Liebesroman, 366 Seiten

         

 

 

Die Liebesgeschichte hat mich zu Tränen gerührt. Sie ist eine der schönsten, die ich je gelesen habe und kann problemlos mit den besten Liebesgeschichten bekannter Autorinnen dieses Genres mithalten. – Mephista, Top 100 Rezensent bei Amazon

 

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Kapitel 1

England, Grafschaft Dorset

Endlich konnte Emma ihren Tränen freien Lauf lassen. Sie war alleine. Bei ihrer letzten Rast in einem gemütlichen Gasthof hatte sie ihrer Zofe Molly erlaubt, für den Rest des Tages vorne neben Luke auf dem Kutschbock zu sitzen. Denn trotz ihrer unglaublichen Trauer war ihr nicht entgangen, welch sehnsüchtige und verliebte Blicke sich ihre Zofe und Luke zuwarfen. Luke war seit einem Jahr in den Stallungen ihres Vaters beschäftigt. Er war blond, kräftig und hatte ein freundliches Gesicht. Schon zuhause in Norwich hatte es zwischen den beiden heftig gefunkt. Nun drang ab und an Mollys glockenhelles Lachen zu ihr in die Kutsche, in der es so dunkel und erdrückend war wie in Emmas Gedanken.

Selbst für die Schönheit der Landschaft hatte Emma noch keinen einzigen Blick übrig gehabt. Ihre Gedanken kreisten unaufhörlich um das schreckliche Unglück. Wie hatte es überhaupt dazu kommen können, dass sie sich vollkommen allein auf diese weite Reise gemacht hatte – einzig in Begleitung einer drallen Blondine aus dem Dorf. Seit dem plötzlichen Tod ihrer Eltern, Lady Anna und Lord Robert Pears, dem Grafen von Norfolk, kam ihr alles vor, als stünde sie in dichtem Nebel – kein Laut, keine Berührung, kein Gefühl konnte in ihr Innerstes vordringen. Emma ließ einfach alles mit sich geschehen und fügte sich den wohlwollenden Ratschlägen der Bewohner von Norwich. In der Nacht des Unglücks hatten die Leute aus dem Dorf verzweifelt versucht die Flammen zu löschen – vergeblich. Pater Reiley hatte Emma hilfsbereit bei sich aufgenommen – mütterlich umsorgt, von seiner betagten Haushälterin, der Witwe Miller. Am nächsten Morgen suchten die Helfer in den noch immer glühenden Trümmern nach Überlebenden. Doch wie schon in der Nacht befürchtet worden war, hatten alle Bewohner in den Flammen ihr Leben gelassen – alle bis auf Emma.

Darum bat der Geistliche in einem Brief den Anwalt der Familie um Hilfe. Inzwischen wurde Emma in Kleider gesteckt, die ursprünglich der Tochter von Mrs. Miller gehört hatten. Für alle anderen Bedürfnisse wurde ihr Molly an die Seite gestellt. Die hübsche Tochter des Bäckers hatte zwar keinerlei Erfahrungen als Zofe, aber sie war freundlich und bemüht, Emma abzulenken. Emma mochte sie eigentlich ganz gern.

Das Antwortschreiben des von Pater Reiley unterrichteten Anwaltes erreichte sie schon wenige Tage später. Emmas Onkel Wilbour war als ihr Vormund bestellt worden. Sie solle sich daher direkt auf den Weg nach Salterdon, einem kleinen Küstenort in Devon, machen. Dort, bei ihren lieben Verwandten könne man dann in aller Ruhe erwägen, wie es weitergehen solle, schrieb der Anwalt weiter. Ihr Onkel Wilbour sei leider verhindert und könne sie daher nicht persönlich abholen kommen. So wurde Emma eilends, denn die Dörfler waren froh, die Verantwortung für sie abgeben zu können, in diese Kutsche verfrachtet. Der Pferdestall und somit auch die Kutsche waren zum Glück vom Feuer verschont geblieben. Emma hatte sich teilnahmslos den Anweisungen des Anwaltes gefügt. Eigentlich war es ihr völlig egal, was noch alles auf sie zukommen würde.

Der Nebel – er umgab sie wie ein Schutzschild – sie wollte ihn nicht verlassen. Wollte sich nicht dem Schmerz stellen, der sie da draußen erwartete. Aber irgendwann musste sie aus dem Nebel zurück ins Licht treten, und stark sein.

Wenn Sie erst bei ihrem Onkel Wilbour angekommen war, würden Entscheidungen getroffen werden, die ihr weiteres Leben bestimmen würden. Der Onkel und seine Frau Alvina waren die zwei einzigen Menschen, die Emma noch geblieben waren. Zwar hatte sie das Paar nur einmal gesehen, als sie noch ein kleines Kind gewesen war, doch der Gedanke, in ihnen eine Stütze zu finden, tröstete Emma ein wenig. Mit ihnen würde sie ihren Schmerz teilen können. Wilbour war der Bruder ihres Vaters und nun, da sie eine Waise war, ihr rechtmäßiger Vormund. Er würde Emmas Vermögen bis zum Tag ihrer Hochzeit, verwalten. Denn obwohl sie im Moment nichts besaß, war sie doch eine wohlhabende junge Frau. Die Landgüter ihres Vaters und seine Geschäfte würden auch weiterhin gute Gewinne abwerfen und ihr beträchtliches Vermögen mit der Zeit noch vermehren. Doch Emma würde ohne zu zögern auf ihr gesamtes Geld verzichten, könnte sie dadurch ihre Eltern zurück bekommen.

Von Weinkrämpfen geschüttelt, bebten ihre Schultern unter dem viel zu großen, moosgrünen Mantel, der noch nicht einmal ihr eigener war. Nun, von Mollys Gesellschaft befreit, gab sie sich zum ersten Mal ihrer Trauer, die sie so mühsam zurückgehalten hatte, hin. Wie hatte es nur dazu kommen können? Diese Frage hatte sie sich seither schon unzählige Male gestellt, aber auch jetzt konnte sie keine Antwort darauf finden. Wie hatte es passieren können, dass das Haus, in dem sie ihr gesamtes Leben verbracht hatte, in dieser schicksalhaften Nacht bis auf die Grundmauern niedergebrannt war? Und warum hatte sich keiner vor den Flammen retten können? Keiner der Diener, keine Magd, nicht ihre Amme, die sie natürlich mit ihren inzwischen siebzehn Jahren nicht mehr brauchte, die aber wie ein Familienmitglied bei ihnen gelebt hatte, und auch nicht ihre geliebten Eltern.

Emma versuchte, auf der gepolsterten Bank eine stabilere Position einzunehmen – was gar nicht so einfach war, denn der Weg wurde von Meile zu Meile holpriger, und die Kutsche schwankte beträchtlich, wenn sie durch ein großes Schlagloch fuhren. Derart aus ihren Grübeleien gerissen, bemerkte Emma, dass sich die Landschaft verändert hatte. Anstelle von flachen Feldern und sprudelnden Bachläufen zogen nun Bäume und dichtes Buschwerk am Fenster der Kutsche vorbei. Auch das Wetter hatte sich verändert: Die Sonne, die sie noch am Mittag geblendet hatte, war inzwischen hinter dichten, schwarzen, so gut zu ihrer Stimmung passenden Wolken, verschwunden. Immer wieder sah sie die schrecklichen Bilder des einstürzenden Hauses vor sich. Sie selbst war dem Unglück nur dadurch entgangen, dass sie sich aus dem Haus geschlichen hatte, nur deshalb war sie nicht in ihrem Himmelbett zu Tode gekommen. Natürlich war Emma froh, mit dem Leben davongekommen zu sein, doch seit jener Nacht plagten sie schlimme Albträume: Ihre Eltern, eingeschlossen in einem Meer aus emporzüngelnden Flammen. Immer wieder rief sie nach ihnen, und immer wieder war es zu spät. Sie konnte niemanden mehr retten. Sie war allein. Wenn Emma dann schweißgebadet und zitternd erwachte, fragte sie sich, warum es nicht auch ihr bestimmt gewesen war, in dieser Nacht zu sterben. Sie fühlte sich schuldig, weil sie überlebt hatte.

Um diese schmerzlichen Gedanken zu vertreiben, barg sie ihren Kopf in ihren Händen, die Stirn auf den Knien, und versuchte ihre Verzweiflung in den Griff zu bekommen. Als sie sich nach einer Weile wieder aufrichten wollte, nahm sie aus dem Augenwinkel ein Glitzern unter ihrem Sitz wahr. Vorsichtig, um nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten, bückte sie sich. Was haben wir denn da? Bei dem Versuch, die Schatulle aus der staubigen Ecke hervorzuholen, wurde Emma von ihren ausladenden Röcken behindert. Sie strich sich eine vorwitzige Locke aus dem Gesicht und betrachtete ihre Entdeckung. Die hölzerne Schatulle war staubig und voller Spinnweben. Emma wischte sie ab, dann öffnete sie vorsichtig den filigranen Silberverschluss. Als sie den Deckel aufklappte, machte sich ein beklemmendes Gefühl in ihr breit: In der Schatulle lag, auf rotem Samt gebettet, die mit Intarsien verzierte Steinschlosspistole ihres Vaters. Die Waffe war bestimmt unabsichtlich unter den Sitz gelangt, denn ihr Vater war ein sehr ordentlicher Mann gewesen. Mit zitternden Fingern nahm Emma das wertvolle Stück heraus und ließ ihre Finger fast zärtlich über das kühle Metall und die Schnitzerei am Griff wandern, die das Wappen ihrer Familie darstellten. Nun hatte sie doch noch etwas gefunden, das nicht vom Feuer vernichtet worden war. Wieder stiegen ihr die Tränen in die grünen, etwas zu schräg stehenden Augen und rollten über ihre Wangen. Emma hielt die kalte Waffe an sich gedrückt, als könnte sie dadurch ihrer Familie näher sein. Sie wollte sie nicht loslassen, nicht das dünne Band der Erinnerung dadurch zerreißen, dass sie die Pistole zurücklegte. Endlich, mit einem Gefühl des Trostes, sank sie nun in einen tiefen traumlosen Schlaf. Ihr sonst so anmutiges Gesicht war vom vielen Weinen gerötet, ihre dunklen Locken hatten sich aus dem Zopf gelöst und fielen ihr wirr auf den Rücken. Die Schrecken der vergangenen Tage hatten dunkle Schatten unter ihren sonst vor Energie und Freude sprühenden Augen hinterlassen, und ihre vollen Lippen waren zu einer schmalen harten Linie zusammengedrückt. Doch im Schlaf entspannten sich ihre Gesichtszüge und sie wirkte noch jünger und verletzlicher als sie es mit ihren siebzehn Jahren war.

Sie musste wohl einige Zeit geschlafen haben, denn als sie erwachte, leuchtete das letzte Tageslicht das Innere der Kutsche nur noch spärlich aus. Emma versuchte sich zu orientieren und irgendetwas zu finden, woran sie sich festhalten konnte. Sie wurde beinahe aus dem Sitz gehoben. Die Kutsche fuhr viel zu schnell, und die Geräusche, die zu Emma hereindrangen, machten ihr Angst. Luke rief wüste Verwünschungen, während er die Pferde noch weiter antrieb. Die Kutsche geriet ins Schleudern. Was war da los? Just in diesem Moment tauchte neben der Kutsche ein dunkelbrauner Pferdekopf auf. Schnell duckte sie sich. Hoffentlich hatte sie der Reiter nicht gesehen! Auf der anderen Seite versuchte gerade ein zweiter, vermummter Reiter an der Kutsche vorbeizuziehen. Sie konnte nichts tun. Nur hoffen, dass es ihm auf dem sehr schmalen Weg nicht gelingen würde, an den Kutschbock heranzukommen. Da ertönte ein ohrenbetäubender Knall, gefolgt von Mollys lautem, hysterischen Schrei. Die Pferde machten vor lauter Schreck noch einen Satz nach vorne. Nach einem weiteren Schuss kippte Mollys lebloser Körper seitlich von der Kutsche und der Dieb, der ihr gerade das Leben genommen hatte, musste sein Pferd zügeln, um nicht über die Tote zu stürzen. Die Pferde stürmten führerlos weiter, denn auch der erste Schuss hatte sein Ziel gefunden. Der Pfad wurde immer schmaler, und auf der einen Seite tat sich ein steiler, felsiger Abhang auf. Ein falscher Tritt der Pferde und Emma würde mitsamt der Kutsche in die Tiefe gerissen werden. Doch auch die Reiter hatten mit dem Gelände ihre Schwierigkeiten. Der eine, der auf Emmas Seite beinahe schon an die Zügel der Pferde herangeritten war, musste sein Vorhaben schnell aufgeben, als der Weg zu schmal wurde, um neben der Kutsche zu reiten. Er ließ sein Pferd zurückfallen. Er musste jetzt nichts mehr riskieren. Die Pferde würden, sobald sie sich etwas beruhigt hatten, leicht einzuholen sein.

Doch als der Weg eine Biegung machte, geriet eines der Zugpferde zu nah an den Abgrund, Steine wurden losgetreten, und das Pferd strauchelte. Die Kutsche neigte sich gefährlich zur Seite. Emma verlor den Halt und wurde mit voller Wucht gegen die harte, hölzerne Wagentür geworfen, die unter der Wucht krachend nachgab und mitsamt den Angeln in die Tiefe stürzte. In Emmas Kopf explodierte ein unglaublicher Schmerz, als sie gegen etwas Hartes schlug. Blut lief ihr in die Augen und Emmas Fingernägel splitterten bei dem vergeblichen Versuch, doch noch irgendwo Halt zu finden – zwecklos.

Sie stürzte in die Tiefe.