Vergessene Küsse – Band 1 der Windham-Reihe

Vergessene Küsse

Die Suche nach dem sagenumwobenen Gemälde, der „Venus von Lavinium“, führt Devlin Weston, den Earl of Windham, nach Essex und zu Danielle Langston.
Der Anblick der attraktiven Witwe weckt die Erinnerung an längst vergessene Küsse und entfacht nie gekannte Gefühle.

Doch Devlins Jagd nach der „Venus“ entwickelt sich für Danielle zur tödlichen Gefahr …

Novelle, 134 Seiten. „Vergessene Küsse“ ist der erste Band der „Windham-Reihe. Die Folgebände sind „Verborgene Tränen“ (Band 2) und „Verlorene Träume“ (Band 3).

 

 

 

 

 

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eBook:
ASIN: B00AGEGYL4
ISBN 13:978-3845011196

Taschenbuch:
ISBN 13: 978-3-7357-5088-4

Hätte Danielle geahnt, dass der Mann, wegen dem sie keinen Schlaf fand, gerade an sie dachte, hätte sie das sicher nicht beruhigt. Sie überlegte ernsthaft, ob sie nicht Sallys Rat folgen und auf irgendetwas einschlagen sollte. Vielleicht würde ihr das helfen.

Sie verstand überhaupt nicht, warum sie sich so schlecht fühlte. Sie hatte sich schließlich nicht unschicklich verhalten. Sie war ja noch ein halbes Kind gewesen. Nein, wenn sich jemand hätte schämen sollen, dann doch wohl der widerliche Kerl, der sie damals in diese Verlegenheit gebracht hatte. Und sie mit diesem unsäglichen Kuss verhöhnt hatte!

Aber dass just dieser Kerl auch noch die Frechheit besaß, in ihr Haus zu kommen, ohne sich auch nur im Geringsten an sie zu erinnern, das schlug dem Fass den Boden aus. Zum Glück würde sie ihm nie wieder gegenübertreten müssen. Sie würde ihm nie wieder in diese hungrigen Augen sehen und erst recht nie wieder seine fordernden Lippen auf ihrem Mund spüren müssen. Nie wieder seine Zunge in ihrem Mund fühlen und sich nie wieder fragen müssen, wie es sein mochte, wenn er ihren Busen küsste, so, wie er es bei der anderen Frau getan hatte. Sie würde nie wieder seinen Atem auf ihrer Wange spüren, während er ihren Mund erkundete und nie wieder seine Hände fühlen, die ihr Gesicht umschlossen wie einen kostbaren Schatz …

Danielle stöhnte.

Himmel, warum beruhigte sie dieses Wissen nicht? Warum machte es sie sogar noch unruhiger? Sie verfluchte den Mann, der in einem einzigen Augenblick Barrieren eingerissen hatte, die sie mühevoll in den letzten zehn Jahren errichtet hatte.

* * * * *

Der nächste Morgen brachte eine Überraschung, denn über Nacht hatte es gute dreißig Zentimeter geschneit. Devlin erkannte, seine Rückfahrt nach London konnte er getrost vergessen. Aber als er sich schließlich nach einem ausgedehnten Frühstück auf dem Weg zu Langstons Haus machte, fand er die Vorstellung mit einem Mal nicht mehr so schrecklich, einige Tage länger hierzubleiben.

Auch diesmal wurde ihm auf sein Klopfen hin prompt geöffnet, und wie am Vortag wurde er hereingebeten.

„Lord Weston, wie schön Euch zu sehen“, grüßte Joseph. „Ich werde sogleich Euren Besuch melden.“

Doch, noch ehe Joseph einen Schritt tat, öffnete sich die Tür zum Arbeitszimmer, und Danielles Stimme drang in die Halle. Sie selbst war in ihrem schwarzen Kleid im Schatten des Türstocks kaum auszumachen.

„Danke, Joseph, das ist nicht nötig. Ich habe seit einigen Minuten beobachtet, wie sich Lord Weston durch den Tiefschnee kämpfte, um uns schon wieder heimzusuchen, obwohl ich ihm doch deutlich gemacht habe, dass seine Reise umsonst war. Ich nehme also an, er hat einen triftigen Grund für seine neuerliche Störung.“

Während sie dies sagte, sah sie missmutig auf die Pfütze Schmelzwasser, die sich um Devlins Füße bildete, und schnaubte schließlich verächtlich.

„Sally soll bitte eine Kanne Tee bereiten, und vielleicht sind noch einige Kekse da. Wir wollen ja nicht, dass Lord Weston eine Erkältung bekommt.“ Damit wandte sie sich zum ersten Mal direkt an Devlin.

„Wenn es Euch nichts ausmacht, würde ich Euch gerne im Arbeitszimmer empfangen, denn ich bin mitten in einer wichtigen Arbeit, die ich nur ungerne unterbrechen möchte.“

Devlin, dem es die Sprache verschlagen hatte, sah ihrem schlanken Rücken nach, als sie wieder durch die Tür verschwand. Mit einem Schulterzucken folgte er ihr. Interessant, dachte er. Diese Frau war wirklich interessant.

Dieser Gedanke verstärkte sich noch, als er das Arbeitszimmer betrat. Es herrschte das absolute Chaos. Etliche Stapel Papier türmten sich auf jedem Millimeter des Teppichs. Der Geruch alter Bücher und ungezählter Zigarren, die in diesem Raum geraucht worden waren, bildeten ein passendes Ambiente für die Frau, die inmitten des tanzenden Staubes, der in der winterlichen Morgensonne funkelte, stand und sich die Haare raufte.

Anders als am Vortag fiel ihr dieses lose ums Gesicht und ergoss sich in langen, goldbraunen Kaskaden über ihren Rücken.

Ihr schwarzes Kleid betonte ihre makellose Haut und verstärkte noch die Wirkung ihrer großen rehbraunen Augen.

Devlin verschlug es den Atem. Wie die Venus aus dem Meer, so schien sie diesen Büchern entstiegen, mindestens ebenso schön und geheimnisvoll wie die Göttin der Liebe, der er hinterherjagte.

Und dann traf es ihn wie ein Schlag. Dieses Haar hatte ihn schon einmal in seinen Bann gezogen. Vor vielen Jahren hatte er es aus einer viel zu strengen Frisur befreit und, so schwach die Erinnerung an jene Zeit auch war, so deutlich spürte er doch das seidige Gold durch seine Finger gleiten. War sie es wirklich? Sie war so anders als das schüchterne Kind, welches er damals geküsst hatte. Geküsst? Konnte das sein oder trog ihn seine Erinnerung? Jetzt lud ihr zusammengekniffener Mund nicht gerade dazu ein, aber trotzdem fühlte Devlin sich mit unwiderstehlicher Macht zu ihr hingezogen. Dieser Macht nachgebend, trat er näher, und ein heißer Schauer der Erregung durchfuhr ihn.

„Lord Weston, wie Ihr seht, versuche ich, den Hinterlassenschaften meines Mannes Herr zu werden, aber da ich mich nur für die wenigsten seiner Experimente und Forschungen interessiert habe, erschlägt mich die Masse seines Erbes nun beinahe. Bitte, wenn Ihr hier irgendwo einen Stuhl findet, der nicht über und über mit Papieren belegt ist, dann nehmt doch Platz.“

Sie hob in einer den ganzen Raum einschließenden Geste hilflos die Hände, ehe sie selbst einen Stoß Bücher beiseiteschob, um auf der Armlehne eines Sessels Platz zu nehmen.

„Danke, Lady Langston. Das ist sehr freundlich, aber wenn Ihr erlaubt, dann bleibe ich stehen. Ich muss sagen, ich bin beeindruckt von dieser Sammlung alter Schriften, auch wenn ich das Ordnungsprinzip Eures verstorbenen Mannes nicht auf Anhieb zu verstehen scheine.“

Danielle lachte, und der Raum schien sich mit Wärme zu füllen.

„Ja, ich denke, auch Matt selbst hat sein Ordnungsprinzip nicht verstanden“, gab sie freimütig zu, und Devlin hatte Mühe, ihren Worten zu folgen. Das Lachen veränderte ihr ganzes Gesicht. Es trug ein Leuchten in ihre Augen, welches ihm direkt ein Kribbeln in der Magengrube verursachte. Er hatte nicht erwartet, dass es so eine Wirkung auf ihn haben würde. Aber irgendwie verwunderte es ihn auch nicht, denn, wenn er sich richtig erinnerte, war ihm schon vor zehn Jahren etwas Besonderes an dem schüchternen Mädchen aufgefallen. Nur hatte er es damals genauso wenig benennen können wie heute.

Devlin löste den Knoten seiner Krawatte etwas, da ihm plötzlich heiß wurde. Dieser Sache auf den Grund zu gehen, konnte interessant werden.

„Lord Weston, darf ich Euch fragen, was Euch bei diesem Wetter hierher führt?“

„Um ehrlich zu sein, hatte ich gehofft, dass Ihr mir vielleicht etwas über die Arbeit Eures Mannes hättet berichten können, aber wie Ihr gerade sagtet, fandet Ihr keinen Gefallen an diesen Dingen.“

„Nein, das tat ich nicht. Aber nichtsdestotrotz ließ sich Matt oft nicht davon abbringen, mir von seiner Arbeit zu erzählen.“

Devlin war hingerissen. Sie zog wie nebenbei eines der Bücher heran, blätterte achtlos durch die Seiten und legte es auf einem anderen Stapel wieder ab, ehe sie ihn wieder ansah. Sie war schüchtern, auch wenn sie das in ihrem Auftreten nicht zeigte. Ihr Blick verriet sie dennoch. Und Devlin wusste, warum sie ihn fürchtete. Sie erinnerte sich ebenso wie er an jenen Abend vor zehn Jahren. Zu gerne würde er ihre und seine Erinnerung auffrischen, denn ihr Mund, der im Sonnenlicht schimmerte wie glänzender Honig, war eine derart süße Verlockung, dass er sich nun doch lieber setzte, aus Angst, sich sonst einfach auf sie zu stürzen.

„Hat er Euch gegenüber je ein Gemälde erwähnt, welches den Titel Venus von Lavinium trägt?“, versuchte sich Devlin mit Mühe, auf sein eigentliches Anliegen zu besinnen.

Danielle zuckte zusammen, als hätte er sie geschlagen.

„Die Venus? Was wisst Ihr über sie? Seid Ihr Matt etwa in London begegnet?“

„Wovon sprecht Ihr? Ich hatte leider nie das Vergnügen, Euren Gatten kennenzulernen, aber sein Ruf in Kunstkreisen eilte ihm voraus. Darf ich Eurer Reaktion entnehmen, dass er Euch gegenüber die Venus erwähnt hat?“

Danielle schnaubte.

„Erwähnt? Er hat in den Wochen vor seinem Tod von nichts anderem mehr gesprochen!“

„Tatsächlich. Nun, könnt Ihr mir sagen, warum er so besessen davon war?“

„Genaugenommen fing seine Begeisterung für dieses Bild schon vor vielen Jahren an. Damals erwarb er eine ganze Ladung sehr alter Schriftrollen aus dem mittelitalienischen Raum. Wie sich herausstellte, war eine davon allem Anschein nach von Aeneas, dem Sohn der Göttin Venus, höchstpersönlich verfasst. Darin fand Matt zum ersten Mal überhaupt einen Hinweis auf das Gemälde. Aeneas schrieb, dass er das Bildnis seiner schönen und mächtigen Mutter mit nach Lavinium genommen habe, da das Bild fast ebensolche Kräfte besitze wie die Göttin selbst, und dass er gezwungen gewesen sei, das Bild zu tarnen, damit es nicht in falsche Hände geriet.“

„Das ist fantastisch! Ihr habt diese Schriftrollen nicht zufällig hier?“

Danielle lachte wieder.

„Nein, leider nicht. Was Ihr hier seht, das sind zumeist Dokumente neueren Datums. Die Papyrusrollen aus Lavinium sind längst wieder verkauft. Ihr müsst wissen, dass Matt die wenigsten Dinge kaufte, um sie zu besitzen. Er wollte sie nur studieren.“

„Gibt es denn Aufzeichnungen über seine Studien?“, fragte Devlin.

„Natürlich! Hier, seht Euch um. All diese Schriften sind entweder Notizen, Versuchsbeschreibungen, Theorien und Abhandlungen. Oder Bücher, Zeitschriften, Briefe und Schriften, aus denen er seine Informationen bezog.“

„Erstaunlich.“ Devlin hob ein großes Blatt vom Boden auf und faltete die Seiten auseinander. Das Abbild eines Flugmodells war zu erkennen. Er hob die Augenbrauen und legte die Zeichnung zurück.

„Wenn Ihr hier etwas von Interesse findet, dann nehmt es Euch.“

Devlin sah ihr in die Augen.

„Hier gibt es wirklich etwas, was mein Interesse geweckt hat, aber ich weiß nicht, ob es Euch gefallen würde, wenn ich es mir einfach nähme.“

„Oh, nur zu. Ich weiß ohnehin nicht, was ich mit all dem Zeug machen soll. Es scheint mich zu erdrücken.“

Devlin erhob sich. Er wusste, er würde gleich einen Fehler machen, aber Himmel!, manche Fehler waren es einfach wert, gemacht zu werden. Mit wenigen Schritten hatte er Danielle erreicht und sie in seine Arme gezogen.

„Das Zeug meinte ich nicht!“

Damit senkte er seinen Kopf und verschloss ihre für ihn so verführerischen Lippen mit einem Kuss. Heiß und fordernd lag sein Mund auf ihrem, seine Hände gruben sich in die Kaskaden glänzenden Haares, um sie noch näher an sich zu ziehen. Herrje, sie küsste wie eine Jungfrau! Ihre Scheu raubte ihm fast den Verstand, und nur mit Mühe konnte er sich schließlich zwingen, sie wieder freizugeben.

Oh ja, er hatte einen Fehler gemacht! Ihr schallender Handabdruck bewies es, und auch sein eigener Hunger nach dieser Frau würde ihn in den nächsten Stunden deutlich daran erinnern.

„Wie könnt Ihr es wagen!“, rief sie zitternd, während sie sich die Hand auf die geschwollenen Lippen presste. „Raus hier!“

„Es tut mir leid! Ich wollte nicht …“

„Es ist mir einerlei, was Ihr wolltet, oder nicht! Wofür haltet Ihr mich? Für eines Eurer Flittchen?“

Devlins Blick verfinsterte sich, auch wenn ihr Vorwurf natürlich gerechtfertigt war, wie er zugeben musste. Aber er war es nicht gewohnt, dass Frauen in dieser Art auf seine Küsse reagierten. Sein Stolz musste gerade einen herben Treffer einstecken.

„Natürlich halte ich Euch für nichts dergleichen, aber eine Frau in Eurem Alter sollte wegen eines einzigen, unbedachten Kusses nicht gleich hysterisch werden! Ich habe gesagt, dass es mir leidtut!“

„Hysterisch? Ihr wagt es, meine Reaktion als hysterisch zu bezeichnen, Sir? Ihr? Lernt doch erst einmal, Eure Gelüste unter Kontrolle zu halten, ehe Ihr mich beleidigt. Einem Mann Eures Titels steht es nicht an, durch die Welt zu rennen und Frauen Eure unwillkommenen Küsse aufzudrängen!“

„Glaubt mir, meine Liebe, den meisten Frauen sind meine Küsse durchaus willkommen!“

„Warum verschwindet Ihr dann nicht einfach? Geht zu den Frauen, die Eure Leidenschaft zu schätzen wissen!“

Devlin verspürte den drängenden Wunsch, sie dazu zu bringen, seine Leidenschaft zu schätzen, denn, so aufgebracht, wie sie vor ihm stand, war sie schöner denn je. Wann immer er sie bisher gesehen hatte, war sie kontrolliert und zurückhaltend gewesen, aber jetzt brach ihre wahre Natur impulsiv aus ihr heraus. Das war genau die Leidenschaft, die er schon vor zehn Jahren in ihrem ersten zarten Kuss erahnt hatte. Er hatte sich nicht getäuscht. Sie brannte. Würde sie auch für ihn brennen?

Er musste es herausfinden.

„Seid Ihr keine Frau, die Leidenschaft zu schätzen weiß? Warum seid Ihr dann nicht in einem Kloster?“

 Danielle schüttelte fassungslos den Kopf. Ihr Herz schlug in einem ihr völlig fremden Takt, und bei ihrem Rückzug stieß sie Bücherstapel um und fegte Dokumente von den Tischen, um Distanz zwischen sich und Lord Weston zu bringen. Sie hatte Angst. Aber nicht vor ihm, sondern vor dem Gefühl, welches er in ihr weckte. Sie hatte Angst davor, sie könne auf seine unverschämte Frage die Wahrheit entgegnen. Nämlich, dass sie die Vorstellung nicht ertragen hätte, in einem Kloster zu enden und damit niemals wieder einen Kuss wie den seinen zu erleben. Aber diese Genugtuung würde sie ihm nicht geben! Er spielte nur mit ihr, genau wie damals.

„Meine Leidenschaft geht Euch nichts an! Befriedigt die Eure woanders!“

„Warum in die Ferne schweifen, wenn das Schöne liegt so nah?“, murmelte er, und sein Blick verhieß nichts Gutes.

„Weil ich verheiratet bin!“, rief Danielle und wich zurück.

„Euer Mann ist tot“, verbesserte Devlin und löste seine Krawatte.

„Ich bin in Trauer!“ Ein Bücherregal in ihrem Rücken vereitelte ihre weitere Flucht, und ein triumphales Lächeln in Devlins Gesicht besiegelte ihren Untergang. Er kam ganz nahe und hob ihr Kinn, damit sie ihn ansah.

„Habt Ihr Langston so geliebt, dass Eure Leidenschaft mit ihm gestorben ist?“, fragte er leise, und sein Atem strich über ihr Gesicht wie eine Liebkosung.

Danielle schloss die Augen. Sie kämpfte die Tränen nieder, die hinter ihren Lidern schwammen, denn die Wahrheit war zu schmerzlich, um sie gerade diesem Mann zu gestehen. Mit zitternden Lippen bat sie: „Bitte, Mylord, quält mich nicht! Bitte, geht jetzt!“

Sie hielt den Atem an, wollte ihre Niederlage nicht wahrhaben und den Spott in seinen Augen nicht sehen, ehe er sie erneut zu einem Kuss zwingen würde.

Aber das tat er nicht. Sie spürte, noch ehe sie die Augen öffnete, wie er sich zurückzog. Mit einem Fluch auf den Lippen verließ er das Zimmer, und wenig später hörte sie die schwere Eingangstür ins Schloss fallen.